Berliner Zeitungsmarkt

HAUPTQUARTIER / Die Neuausrichtung des Bündnisses trägt auch die deutliche Handschrift Berlins. Deutsche Diplomaten in Brüssel haben gründliche Arbeit geleistet. Ein Report aus dem Nato-Zentrum

„Wining“ und „Dining“ führt zusammen

VON SABINE SEEGER, BRÜSSEL

Das Nato-Hauptquartier ist ein grauer Komplex in der städtebaulichen Ödnis zwischen Brüsseler City und Flughafen. Die Kontrollen sind scharf, die Angst vor Anschlägen ist allgegenwärtig. Im Inneren des weitläufigen Gebäudeensembles eine kleine Stadt: Postamt, Bankschalter und Supermarkt. Lange Korridore und schlichte Sitzungsräume. Irgendwo in diesem Labyrinth liegen die Arbeitszimmer der deutschen Vertretung. Funktional sind sie, persönlich nur durch Fotos oder Erinnerungen an frühere Posten.

In diesen Tagen herrscht Hektik. Der Countdown für den großen Gipfel in Lissabon und damit die Neuskizzierung der Verteidigungspolitik des Bündnisses läuft. In einem der Büros sitzt Philipp Wendel. Vor ihm ein Berg Zeitungen, die jüngsten Ausgaben der deutschen Presse. Der junge Diplomat ist Presseattaché, und als solcher kommuniziert er nicht nur mit den Korrespondenten, sondern hält auch die Kollegen im Haus auf dem Laufenden. Pünktlich um neun Uhr trifft man sich zur „Lage“. Acht Herren versammeln sich um den Konferenztisch, hören zu, was Wendel an Außenpolitischem aus der Berichterstattung herausgefiltert hat. Wieder einmal ist es Afghanistan, auch die britische Sicherheitspolitik macht Schlagzeilen. Afghanistan, wo derzeit 4800 deutsche Soldaten und 350 Reservekräfte die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden zu legen versuchen, geht dem jungen Juristen nahe. Ein Jahr lang hat er sich selbst erprobt in der rauen Realität von Kabul.

Hauptgegenstand der vom Gesandten Ekkehard Brose geleiteten Morgenrunde ist allerdings das neue Strategische Konzept. Es definiert, wie sich das Nordatlantische Bündnis im kommenden Jahrzehnt aufstellen will. Wie es neue Bedrohungen parieren möchte: die Gefahr durch Cyberkriminalität, ballistische Raketen, Terroristen oder auch durch die Piraterie auf den Versorgungswegen dieser Welt. Wie der Raketenschild für Europa aussehen soll, in dem auch Russland als strategischem Partner ein Part zugedacht ist. Wie das Engagement in Krisenfällen gemanagt werden kann.

Am Tisch sitzen Experten, die schon weiter denken. Sie haben bereits die Umsetzung des neuen Kurses im Visier. Bernd Schulte-Berge liefert die militärische Expertise. Sein besonderes Augenmerk gilt der Raketenabwehr. „Technisch sind die Pläne für eine Nato-Raketenabwehr machbar“, weiß der Brigadegeneral. Praktisch geht es um den Verbund bereits bestehender und noch zu entwickelnder Systeme aus Europa und Amerika. Jasper Wieck ergänzt, dass im Hinblick auf Russlands Rolle nun Vertrauensbildung ansteht. Die USA und Russland wollten offen miteinander umgehen, sich gegenseitig unterrichten. Washington braucht Moskau als ordnungspolitischen Partner.

Auf dem Weg von der „Lage“ ins eigene Büro kommt Wieck an der „Ahnengalerie“ vorbei. In schwierigen Momenten könnte er sich hier Mut holen, denn von der Wand lächelt sein Vater. Hans-Georg Wieck war in den Achtzigerjahren Chef der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der Nordatlantikvertrags-Organisation, so der sperrige Name der Vertretung. Er mag ihm Vorbild sein, auch wenn es um die Kunst des Verhandelns geht. Denn bei der Nato gilt noch viel mehr als andernorts, dass die besten Kompromisse zu schmieden sind, wenn alle Partner profitieren. Der studierte Historiker spricht denn auch gerne vom „Win-win-Ansatz“, der ebenso das Verhältnis zu Russland bestimmen sollte.

Wieck ist Leiter der politischen Abteilung und als solcher mit der Entwicklung des Strategischen Konzepts wohl vertraut. In vielen bilateralen Gesprächen und multilateralen Sitzungsrunden hat er geworben für die deutschen Interessen, hat Partner überzeugt und Verbündete gefunden. Hier in der politischen Zentrale des Bündnisses lässt sich das ohne viel Aufhebens machen, denn hier sitzen die Vertretungen der 28 Mitgliedsstaaten wie vieler Partnerländer unter einem Dach. Die Wege sind kurz. Da kann man schnell mal über den Flur, vor offiziellen Meetings zusammensitzen, die Stimmung ausloten, Allianzen schmieden. Beim Strategischen Konzept ist das gut gelungen: „Deutschland hat Signale gesetzt“, ist Wieck überzeugt.

Dass der Grundpfeiler des Bündnisses, der Beistandspakt, festgeschrieben im Artikel fünf des Nato-Vertrags, nicht beliebig auf neue Sicherheitsbedrohungen ausgeweitet werde, sei auf die beharrlichen Gespräche der deutschen Seite zurückzuführen. Auch die Passagen zu Abrüstung und Rüstungskontrolle tragen die deutsche Handschrift. Tatsächlich hatte Außenminister Westerwelle bereits beim Nato-Rat in Tallinn im April für den Abbau taktischer Atomwaffen geworben. Mit Erfolg: Im Zusammenhang mit der Neujustierung soll ein Ausschuss für Abrüstungsfragen eingerichtet werden.

Während sein Minister in Moskau einem gemeinsamen Raketenabwehrschirm das Wort redet, wirbt Wieck an der Brüsseler Basis für Vertrauen. Das fällt dem Diplomaten, der durch seine Arbeit an der deutschen Botschaft in Moskau fließend Russisch spricht, nicht schwer. „Deutschland hat über zwei Jahrzehnte eine kontinuierliche Politik der Einbindung gegenüber Russland gefahren“, erklärt er. „Das zahlt sich jetzt aus.“

Auch Botschaftsrätin Irene Maria Plank baut am Dialog zu den östlichen Nachbarn.Vier Jahre hat sich die zierliche Frau für den Aufbau der afghanischen Polizei engagiert, bevor sie ihr Weg über Beirut nach Brüssel in die Sicherheitspolitik führte. Sie kam zur richtigen Zeit. Der Georgien-Konflikt war vorüber. Er hatte dem Ansehen der Russen schwer zugesetzt. Erst mit Präsident Obama gelang es, in der Beziehung zu Moskau umzudenken. So wird die Konfrontation der Kooperation weichen, zumal sich Obama nach der Schlappe bei den amerikanischen Kongresswahlen verstärkt auf die Außenpolitik konzentrieren dürfte. Bereits in Lissabon werden die Russen eine Einladung zur Mitwirkung am europäischen Raketenschild erhalten. Plank hat ihren Teil dazu beigetragen, hat sich in die Gespräche eingeschaltet, bei denen noch viel Emotion mitschwingt. „Es ist nicht leicht, sich von alten Mustern zu lösen“, erklärt die dreifache Mutter.

Auf dem Weg zum Sitzungssaal. Unterwegs ein buntes Völkchen. Von kalten Kriegern, martialischen Rambos keine Spur. Krieg ist anderswo. Hier im Headquarter wird mit Worten gekämpft. Wenn es sein muss, werden die Treffen schon mal zu Marathonsitzungen. Das ist notwendig, denn das Bündnis ist eine „Konsensmaschine“. Entscheidungen fallen nicht nach dem Mehrheitsrecht, was manchen Minister schon in die Verzweiflung trieb. Da ist Sitzfleisch gefragt und Verhandlungsgeschick – geschmeidig, im Ton zuweilen auch hart und immer deutlich in der Aussage.

Für die deutschen Diplomaten sei das besonders wichtig, erklärt Gesandter Brose, denn viele kleine Länder richteten sich aus am zweitgrößten Nato-Mitglied. Also wird der Mann, der in Washington und Moskau auf Posten war, nach Valerie Amos auch jetzt als Erster das Wort ergreifen. Er wird der UN-Koordinatorin für Nothilfe für ihren Besuch in Brüssel danken. Er wird zurückschauen auf den Einsatz in Pakistan, wo die Nato sich während der Flut in ihrer neuen Rolle als Katastrophenhelfer erprobte. Im Nato-Jargon heißt das Comprehensive Approach. Gemeint sind Einsätze in Notfallregionen, bei denen das Bündnis Kapazitäten wie Know-how zur Verfügung stellt. In Pakistan bildeten Transportflugzeuge eine Luftbrücke, über die die Flutopfer mit Zelten, Decken, Medizin versorgt wurden. Derartiges Krisenmanagement, auf das EU wie Uno künftig bauen können, gehört zum Zukunftsszenario.

Und der Botschafter? Martin Erdmann ist kein Mann der großen Show. Er versteht sich als Teamleiter, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Der fast zwei Meter große Mann strahlt Führungskraft aus. Im Nato-Rat gilt er als erfahrener Sicherheitspolitiker, als Schwergewicht, dessen Rat schon deshalb gefragt ist, weil der Münsteraner beide Seiten kennt. Vier Jahre hat er als beigeordneter Generalsekretär der Nato im Stab die politische Seite gestaltet und die Allianz als „Außenminister“ vertreten. Seit März agiert er als Ständiger Vertreter und hat in persönlichen Kontakten und unzähligen Sitzungen die Anliegen der Berliner Koalition für die Neuausrichtung konsequent umgesetzt. Das war nicht immer einfach, denn Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bremste den Deutschen wie dessen Kollegen gerne aus.

Der Ex-Premier aus Dänemark, der seine Kontakte am liebsten auf seinesgleichen konzentriert, verstand die Weichenstellung der Allianz als Chefsache. Erdmann hat sich nicht beirren lassen und ganz nebenbei ad absurdum geführt, was der erste Generalsekretär des Bündnisses, der Brite Lord Ismay, einst postulierte: Die Nato möge „die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen am Boden halten“. Die Deutschen haben längst ihren Platz gefunden. Als Leuchtturm. „Ein Land wie Deutschland darf nicht schweigend am Tisch sitzen“, so die Maxime Erdmanns. „Wir müssen immer Farbe bekennen, wir bieten wichtige Orientierung für andere.“ Und die Russen stehen in der Tür, sitzen sogar am Tisch.

Bei einem Abendessen für Exponenten des russischen Generalstabs in der Residenz des deutschen Vertreters resümiert Erdmann das Verhältnis zu Moskau. Er spricht von „Wechselbädern in unseren Beziehungen“, spart den Georgien-Konflikt nicht aus und gibt sich dennoch hoffnungsfroh, dass die Abwehr gemeinsamer Gefahren die ehemaligen Feinde zusammenschmiedet. Damit das gelingt, wünscht sich der Sprecher der Russen, der Leiter der russischen Generalstabsakademie Wladimir Jakowlew, dass man auch den Soldaten beider Seiten Gelegenheit zur Begegnung gibt. Bei Wodka und Wein skizziert man die Welt von morgen. „Wining and Dining“, so wird Erdmann am Ende des Abends sagen, „führt die Menschen zusammen.“

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